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Neue Studie: Warum die Klimakrise Österreich besonders stark trifft

Kommentar Klimapolitik Klimaforschung
Dienstag, 17.06.2025
Ein neuer Bericht bestätigt: Die Klima-Prognosen für Österreich sind besonders besorgniserregend. Leider lässt sich dasselbe Urteil über die Maßnahmen fällen, die die Politik dagegen unternimmt. Expertin Katharina Rogenhofer über das Dilemma.

Dieser Text erschien als Kolumne bei Newsflix.at

Der Sommer steht in Startlöchern. Kaum zeichnen sich Temperaturen jenseits der 25 Grad ab, beginnen bei mir strategische Planungen: Wie lange kann ich im Schlafzimmer lüften und ab wann müssen Fenster und Vorhänge dicht sein? Wie komme ich heute zu meinen Terminen und in welchen Straßen liegt möglicherweise mehr Schatten? Bis wann muss ich geistig herausforderndere Arbeit erledigt haben, weil mit zunehmender Temperatur die Konzentrationsfähigkeit abnimmt?

Die immer intensiveren und immer längeren Hitzewellen der letzten Jahre bestimmen unseren Alltag in den Sommermonaten. Für immer mehr Menschen werde sie eine ernsthafte gesundheitliche Gefahr.

Die Hitzewellen sind eine Folge der voranschreitenden Klimaerhitzung, die Österreich in besonderem Maße trifft. Laut dem zweiten österreichischen Sachstandsbericht (AAR2), der am Dienstag veröffentlicht wurde, hat sich Österreich seit 1900 um 3,1 Grad erwärmt und damit doppelt so stark wie der globale Schnitt.

Hitzewellen treten mittlerweile etwa um 50 Prozent häufiger auf und dauern im Schnitt ein bis vier Tage länger als im Zeitraum der Jahre 1961 bis 1990. Extremwetterereignisse, wie Starkregen, Hagel oder Stürme, werden häufiger und bedrohen zunehmend unsere Infrastruktur.

 

Herausforderung für Gesellschaft und Wirtschaft

Diese Veränderungen betreffen nicht nur unseren Alltag und unsere Gesundheit, sondern auch unsere Wirtschaft. Österreichs Wirtschaft ist in gesundem Maße diversifiziert: mit einem – dank des Tourismus – starken Dienstleistungssektor, einer intakten Landwirtschaft und einem soliden industriellen Rückgrat.

Diese Diversifizierung ist eine Stärke. Sie fördert die Resilienz der gesamten Wirtschaft gegenüber externen Schocks auf einzelne Bereiche. Doch die Klimakrise und ihre Folgen entwickeln sich in einem Ausmaß und einer Geschwindigkeit, dass sie alle Sektoren in Mitleidenschaft zieht.

Der Schneemangel macht den Wintertourismus in niederen Lagen zunehmend unmöglich, hinzu kommt zunehmende Hitze im Sommer und sterbende Wälder, die der Landschaft zusetzen. Das gefährdet nicht nur die Existenz von Gastwirtinnen, sondern auch jene der örtlichen Bäcker, die sie beliefern, oder der Handwerkinnen, die die Häuser sanieren oder Autos reparieren.

Stark betroffen sind auch die Landwirtinnen und Landwirte. Ihre Ernten sind der steigenden Gefahr ausgesetzt, in langen Dürren langsam zu vergehen oder durch Extremwetterereignisse plötzlich zerstört zu werden. Die österreichische Hagelversicherung bezifferte die Schäden in der Landwirtschaft durch Frost, Dürre, Hagel, Sturm und Überschwemmungen im Jahr 2024 auf 260 Millionen Euro.

Die Industrie ächzt indessen im dritten Rezessionsjahr weiterhin unter den Strompreisen, die von fossilen Energieträgern in die Höhe getriebenen werden. Der AAR2-Bericht bestätigt: Die klimatischen Prognosen und ihre Folgen für Wirtschaft und Gesellschaft sind besorgniserregend. Bedauerlicherweise lässt sich dasselbe Urteil auch über die Maßnahmen fällen, die die Politik dagegen unternimmt.

Die EU-Kommission hat Ende Mai in einem Bericht über den Nationalen Klima- und Energieplan zwar festgestellt, dass Österreich das verbindliche Klimaziel bis 2030 erreichen kann. Jedoch nur, wenn es alle (!) Maßnahmen des Plans umsetzt.

Viele dieser Maßnahmen, wie die Ökologisierung der klimaschädlichen Subventionen, sind aber weiterhin nicht in Sicht. Im Gegenteil: Mit dem Doppelbudget 2025/26 werden sogar neue Förderungen dieser Art eingeführt, das Klimaticket verteuert und Umweltförderungen – etwa für den Heizkesseltausch – gekürzt.

 

Was es jetzt braucht

Was es angesichts dieser Entwicklungen braucht, sind Maßnahmen in zwei Bereichen: zum einen im Klimaschutz, um die Erhitzung nicht weiter zu verschärfen, und zum anderen in der Klimaanpassung, um die Folgen der Erhitzung möglichst zu lindern.

Um Österreichs europäischen und internationalen Verpflichtungen im Klimaschutz gerecht zu werden, ist es notwendig, die Maßnahmen im Nationalen Klima- und Energieplan umsetzen. Und zwar sämtliche: die Ökologisierung klimaschädlicher Subventionen inklusive.

Gibt es für bestimmte Bereiche – etwa den Umstieg von fossilen Heizsystemen auf Wärmepumpen – zu wenig Geld, dann müssen eben ordnungspolitische Maßnahmen gesetzt werden, um die Ziele zu erreichen. Denn sowohl die EU-Kommission als auch der Sachstandsbericht zeigen, dass der Ausbau erneuerbarer Energie und die Elektrifizierung von Industrie, Verkehr und Heizungen zentral sind, um den Treibhausgasausstoß maßgeblich zu reduzieren.

Der Umstieg auf erneuerbare Energie senkt gleichzeitig mittel- bis langfristig die Energiepreise. Dadurch kann die Industrie wieder günstiger produzieren und die privaten Haushalte günstiger heizen. Zudem wird Österreich auf die Weise unabhängig von Gas- und Ölimporten und damit sicherer.

In diesem Zusammenhang ist es erfreulich, dass die Regierung in Kürze das überfällige Elektrizitätswirtschaftsgesetz (ElWG) vorlegen dürfte, das die Stromnetze den neuen Anforderungen anpasst und damit wichtige Voraussetzungen für Energiefreiheit schafft.



Anpassungen auf allen Ebenen

Auch bei Klimaanpassung ist die Politik gefordert – und zwar auf allen Ebenen: Bund, Land und Gemeinden. Entsiegelten Bodenfläche und renaturierte Flussläufe sind effektiver Hochwasserschutz, Bäume kühlen unsere Städte.

Zugegeben: das alles kostet Geld – Geld, das angesichts der angespannten Haushaltslage nur schwer verfügbar ist. Aber auch hier ist der Sachstandsbericht deutlich: "Vorsorgender Klimaschutz und Anpassungsmaßnahmen sind auf lange Sicht deutlich kostengünstiger als die Bewältigung der Schäden, die durch die Auswirkungen des Klimawandels verursacht werden."

Vorsorge ist also immer besser als Nachsorge. Dasselbe kennen wir alle von der Klimaanpassung, die uns der Alltag abverlangt. Das beginnt schon mit der morgendlichen Frage, wie man bestmöglich das eigene Schlafzimmer lüften kann.

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