Dieser Text erschien als Gastkommentar im Print der Salzburger Nachrichten
Nach Russlands Überfall auf die Ukraine haben die hohen Öl- und Gaspreise die längste Rezession in der Zweiten Republik mitverursacht. Nun trübt der Krieg im Mittleren Osten die Aussichten auf den lang ersehnten Aufschwung. Und in der instabilen Weltlage ist leider auch der nächste fossile Preisschock nur eine Frage der Zeit. Das muss nicht so sein. Unsere Öl- und Gasabhängigkeit ist kein Schicksal, sondern eine Wahl. Wir haben es in der Hand, uns daraus zu befreien. Das erfordert einen nationalen Kraftakt – und der beginnt mit einer konstruktiven Debatte über wirksame Lösungen. Denn wie wir über die Energiewende sprechen, entscheidet, ob sie stattfindet oder nicht.
Energiethemen zunehmend außer Streit
Vieles geht schon in die richtige Richtung. Denn auch wenn die Medienberichterstattung vereinzelt einen anderen Eindruck vermittelt: Bei erneuerbarer Energie ist die Debatte überwiegend konstruktiv. Im KONTEXT Institut analysieren wir jährlich, wer in der medialen Debatte wie über Klimapolitik spricht. Das Ergebnis unserer diesjährigen Studie zeigt: Wenn in Medien über erneuerbare Energie gesprochen wird, dann zu rund 75 Prozent auf positive Weise. Im Mittelpunkt stehen dabei höhere Versorgungssicherheit durch Importunabhängigkeit, niedrigere Energiepreise durch mehr Erneuerbare im Energiemix und damit allgemeine wirtschaftliche Stabilität. Gleichzeitig werden Chancen für Innovation, neue Technologien und Arbeitsplätze – sogenannte „Green Jobs“ – hervorgehoben. Erneuerbare Energie wird also weitgehend als Chance für Unabhängigkeit und Wettbewerbsfähigkeit wahrgenommen.
Die positive Entwicklung der Erneuerbaren zeigt sich nicht nur in wissenschaftlichen Diskursanalysen, sondern auch bei einer Fahrt durchs Land. Der Ausbau der Solarenergie geht rasch voran. Photovoltaik-Anlagen sind längst ein fixer Bestandteil von Ortsbildern – kaum ein Bauernhof, der keine am Dach hat. Energiegemeinschaften gehören mittlerweile ebenso zu vielenGemeinden, wie die Musikkapelle oder der Sportverein.
Windkraft bleibt fehlendes Stück
Das fehlende Stück in dieser Entwicklung bleibt die Windkraft, deren Ausbau nicht ähnlich schnell, wie jener der Photovoltaik vorankommt. Auch in der öffentlichen Debatte bleibt sie eine Zielscheibe von Desinformation und einem Populismus, in dem oft die Hoffnung auf ein paar zusätzliche Wählerstimmen mehr wiegt als der Wohlstand und die Unabhängigkeit der eigenen Wirtschaft und Gesellschaft. Der neue Kärntner Landeshauptmann, Daniel Fellner, spricht offen von seinem „Hass“ auf Windräder. Im Industrieland Oberösterreich weist die Landesregierungohne irgendeine rechtliche Notwendigkeit „Ausschlusszonen“ für Windkraft aus. In Salzburg, Tirol und Vorarlberg steht bis heute kein einziges Windrad.
Um diese Weigerung zu rechtfertigen, beobachten wir durch unsere Analysearbeit verschiedene “Verschleppungstaktiken.” Die Vorgehensweise ist dabei häufig sehr einfach: Berechtigte Bedenken, etwa rund um den Natur- oder den Vogelschutz, werden politisch gegen die Windkraft instrumentalisiert. Ein anderes dieser Themen ist die Versorgungssicherheit, bei dem das Schreckensgespenst der sogenannten Dunkelflaute an die Wand gemalt wird. Diese ist tatsächlich eine Herausforderung, aber durch Wetterprognosen vorhersehbar und in einem gutintegrierten Stromsystem mit anderen Energiequellen, mehr Speicherkapazität, stärkeren Netzen und notfalls mittels Importen steuerbar.
Dennoch werden mit diesem punktuellen Risiko gezielt Ängste geschürt und weiter aufgebauscht. Für unsere Studie haben wir Beispiele beobachtet, in denen die vermeintliche Unverlässlichkeit zu einem Problem für den Wirtschaftsstandort hochstilisiert wird. Bezogen auf die deutsche Industrie wird etwa in einem Meinungsbeitrag in der Tageszeitung „Die Presse“ imFebruar 2025 behauptet, dass die „Anpassung der Industrieproduktion an den Flatter-Ökostrom“ die Deindustrialisierung beschleunigen könnte.
Dass die Bedenken um die Versorgung häufig nur ein Vorwand sind, wird darin deutlich, dass ein viel größeres Problem in diesem Zusammenhang gerne ignoriert wird: die Winterstromlücke. Anders als die Dunkelflaute, die kurzfristige managebare Belastungsproben verursacht, ist die Winterstromlücke ein chronisches Defizit. Hier ist die Windkraft, die vor allem im Winter leistungsstark ist, der Schlüssel zur Versorgungssicherheit. Verbund-CEO Micheal Strugl, der diese Debatte konstruktiv führt, sagte kürzlich in einem TV-Interview, dass Österreich im Jännerdieses Jahres 27 Prozent des Stroms importieren musste: „Das zeigt, wir haben eine Winterstromlücke. (...) Windkraft wird helfen, diese Lücke zu schließen." Die Energieagentur hat kürzlich erhoben, dass Kärnten in den Wintermonaten 35 Prozent des Stroms importieren muss und diese Lücke mit 100 anstatt der 50 geplanten Windräder zu schließen sei. Das sollte dem Landeshauptmann – bei allem Respekt vor seinen persönlichen Geschmäckern – zu denken geben.
Geringer politischer Nutzen
Auch die verzerrten Schlussfolgerungen für den Wirtschaftsstandort verkennen die tatsächlichen Entwicklungen. Gerade für die energieintensive Industrie wird die ausreichende Verfügbarkeit von günstigem sauberem Strom zunehmend zu einer zentralen Standortfrage. Dieser sogenannte „Renewables Pull Effect“ wurde in diversen Untersuchungen bestätigt. Unternehmerumfragen bestätigten etwa, dass der Norden Deutschlands durch die bessere Versorgung mit sauberem Strom deutlich attraktiver als der traditionell industriestarke Süden des Landes ist. Wasserstoffproduktionen, Datencenter oder KI-Serverfarmen werden diesen Trend künftig noch verstärken.
Nicht voll auf Windkraft & Co. zu setzen, kann also schwerwiegende Nachteile bedeuten. Einzig aus kurzfristigem politischem Kalkül die Windkraft schlecht zu reden, können wir uns jedenfalls nicht mehr leisten. Und es geht auch anders: „Die Verfügbarkeit von Energie wird künftig bestimmen, wie attraktiv ein Bundesland sein wird", sagt richtigerweise die steirische Energielandesrätin Simone Schmiedtbauer. In der Steiermark entstehen deshalb bis zu 150 neue Windräder. Ja, genau: 150 Windräder. Weil Unabhängigkeit eine Wahl ist.