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So wurde Photovoltaik zum Welt-Hit (und das lernen wir daraus)

Kommentar Klimapolitik Erneuerbare Energie Technologien
Montag, 20.10.2025
Erneuerbare Energien sind in Österreich und weltweit am Vormarsch. Das sorgt für positive Kipppunkte. Der Klimaschutz wird vorangetrieben, der Wirtschaft wachsen Flügel. Von der Politik bräuchte es nun nicht viel. Vor allem sollte sie nicht im Wege stehen.

Dieser Text erschien als Kolumne bei Newsflix.at

Kipppunkte sind kritische Schwellen, bei deren Überschreiten sich Veränderungen selbst verstärken und unumkehrbar werden. Wenn im Zusammenhang von Klimathemen über Kipppunkte gesprochen wird, geht es in erster Linie um negative Kipppunkte, etwa um das Abschmelzen polarer Eisschilde, das Absterben des Amazonas oder das Auftauen des Permafrosts.

Schon geringe zusätzliche Erwärmung kann diese Prozesse auslösen, zu Kettenreaktionen führen und das globale Klimasystem dauerhaft verändern.

Es gibt aber auch positive Kipppunkte. Das sind Wendepunkte, an denen gesellschaftliche, technologische oder wirtschaftliche Veränderungen sich selbst verstärken und in eine nachhaltige Richtung entwickeln.

Positive Kipppunkte führen zu beschleunigtem Klimaschutz und gerade bei klimafreundlichen Technologien haben wir einige schon erreicht. Sie könnten auch massive wirtschaftliche Chancen mit sich bringen. Wenn die Politik nicht im Weg steht.

 

Erneuerbaren-Boom: Positiver Kipppunkt in action

Das Paradebeispiel für einen positiven Kipppunkt ist die Entwicklung der erneuerbaren Energie. Erneuerbare sind in der Produktion nicht nur emissionsfrei, sie sind vor allem sehr günstig. Das erklärt auch den globalen Boom, der aktuell zu beobachten ist.

China hat beispielsweise im Mai dieses Jahres Photovoltaik in einem Leistungsumfang von 93 Gigawatt installiert. China brachte damit an einem Tag mehr Photovoltaik-Kapazität als Österreich in einem ganzen Jahr auf den weg.

In Indien machen nicht-fossile Energieträger seit heuer mehr als die Hälfte der installierten Stromerzeugungskapazität aus – ein Ziel, dass sich das Land ursprünglich für 2030 gesetzt hatte. Ähnliches in Europa: Polen etwa, lange die Hochburg der Kohleverstromung, hat sein 2030-Ziel für den Photovoltaik-Ausbau bereits jetzt verdreifacht.

Solarenergie wächst schneller als jede andere Energiequelle in der Geschichte, hat der amerikanische Publizist Bill McKibben jüngst festgehalten. Der Erneuerbaren-Anteil am globalen Kapazitätszuwachs betrug laut der International Renewable Energy Agency 2024 ganze 92,5 Prozent. Übersetzt heißt das: Wenn Energieerzeugung ausgebaut wird, dann fast nur mehr Solarenergie, Wind- oder Wasserkraft.

Der Anteil der Erneuerbaren am globalen Strommix lag 2024 bei 34,3 Prozent und damit erstmals über jenem von Kohlestrom. Die Internationale Energieagentur rechnet damit, dass sich die Kapazität der Erneuerbaren Energie weltweit bis 2030 nochmal verdoppeln wird.

Österreich konnte im Jahr 2024 seinen Inlandsstromverbrauch bilanziell zu 94 Prozent decken. Das sind zwei Prozentpunkte mehr als 2023. Das Ziel bis 2030, den Verbrauch zu 100 Prozent zu decken, scheint zum Greifen nahe.

Auch hierzulande wächst Photovoltaik über die Zielpfade hinaus. Aber auch die Zahl der Erneuerbaren-Energiegemeinschaften hat sich in Österreich in den letzten beiden Jahren mehr als verzehnfacht.

Energiefreiheit, in der wir uns den Storm vor unserer Haustür günstig, sauber und unabhängig von schmutzigen Öl- und Gasimporten aus Diktaturen selbst produzierten – all das ist keine ferne Zukunftsmusik. Um sie zu erreichen, müssen wir aber noch einen Zahn zulegen.

Vor allem der Ausbau der Windkraft hinkt hinterher, und viele Prozesse in der Industrie müssen noch elektrifiziert werden. Um auch hier die positiven Kipppunkte zu erreichen, braucht es weitere Anstrengungen – und in erster Linie den politischen Willen, diese Kipppunkte zuzulassen.


Windkraft: Positiver Kipppunkt on hold

Bei Photovoltaik ist die soziale Akzeptanz in Österreich sehr ausgeprägt. Anlagen gehören mittlerweile in die Ortsbilder. Agri-PV-Anlagen entwickeln sich immer mehr zu probaten Nebeneinkunftsquellen für die Landwirtschaft. Dementsprechend groß ist auch deren politische Unterstützung.

Die Windkraft jedoch gerät regelmäßig ins Fadenkreuz von Desinformation und Populismus, auf die auch politische Akteur:innen aufspringen, wie sich vor allem in Diskussionen in den Bundesländern zeigt. Dadurch leidet vielerorts (noch) die öffentliche Akzeptanz.

Wobei hier zu unterscheiden ist: Wo es bereits Windkraft gibt, ist der Widerstand am geringsten. Im Osten Österreichs ist der positiver Kipppunkt schon erreicht. In Niederösterreich stehen heute 823 Windräder. Noch in diesem Jahr sollen 37 weitere dazu kommen.

Zum Vergleich: In Oberösterreich, deren energieintensive Industrie auf günstigen Strom angewiesen ist, stehen gerade einmal 31 Anlagen. Natürlich spielt hier die Geografie eine zentrale Rolle, aber nicht nur. Die IG Windkraft beziffert das Potenzial für den Windkraft-Ausbau bis 2030 in Niederösterreich mit 6,2 Terawattstunden, in Oberösterreich mit 1,2 Terrawattstunden.

Die Zahl der bestehenden oder in Bau befindlichen Windkraft-Anlagen gibt dieses Verhältnis bei Weitem nicht wieder. Die oberösterreichische Landespolitik definiert ohne Notwendigkeit "Ausschlusszonen" und zieht den Bau von Anlagen selbst dann in Zweifel, wenn bereits die Umweltverträglichkeitsprüfung dafür läuft und diese von den Anrainergemeinden und Unternehmensvertretungen ausdrücklich gewünscht werden. Noch trister sieht es in Salzburg, Tirol und Vorarlberg aus. Dort stehen gar keine Windräder.

 

E-Mobilität: Positiver Kipppunkt on hold

Ein weiteres Beispiel, in dem sich die Politik aktiv positiven Kipppunkte in den Weg stellt, ist die E-Mobilität. E-Autos sind den Verbrenner technisch überlegen. Sie sind am effizientesten im Einsatz, verursachen geringe Kosten im Betrieb, die Reichweiten steigen schnell und die Absatzzahlen schießen global in die Höhe.

Weltweit wurden im September 2025 auf 2,1 Millionen E-Autos verkauft – ein neuer Monatsrekord. In China sind mittlerweile mehr als die Hälfte der neuzugelassenen Autos batteriebetrieben. Aber nicht nur dort: Auch in Dänemark liegt der Anteil der elektrischen Neuwagen bei über 50 Prozent, in Norwegen sogar jenseits der 90 Prozent.

In Österreich lag dieser Wert im letzten Jahr bei 17 Prozent. Es gibt keinen Grund, warum er nicht auf bei einem ähnlichen Niveau, wie in skandinavischen Ländern liegen könnte. Batterien, E-Motoren oder Ladestationen funktioniert hierzulande genauso gut, wie im europäischen Norden.

Anders als dort, setzen maßgebliche Teile der heimischen Politik aber auf falsche Prioritäten, fördern klimaschädliche Verbrenner und belasten klimafreundliche E-Mobilität. Und mehr noch: Entgegen jeglichen Marktlogiken und dem technischen Fortschritt wird die Industrie dabei unterstützt, auch mittel- und langfristig die unterlegene Verbrenner-Technologie weiterzuentwickeln.

 

Fossile Vergangenheit oder elektrifizierte Zukunft

Die Verschleppungspolitik, die sich etwa beim Windkraft-Ausbau oder der E-Mobilität zeigt, wird gerne damit begründet, dass zu ambitionierte Klimaziele und -gesetze die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft untergraben. Klimaschutz brauche keine Ziele und Verbote, sondern müsse stattdessen dem Markt und dem technologischen Fortschritt überlassen werden.

Diese Argumente sind in Wien ebenso zu hören, wie in Berlin, Brüssel und in Washington. Tatsächlich ist es aber genau umgekehrt: Wer vorgibt, die Wirtschaft vor klimapolitischen Vorgaben schützen zu wollen, will häufig nur fossile Industrien und Technologien schützen oder künstlich am Leben behalten – zur Not auch gegen den Markt und gegen technologische Fortschritte.

So verfallen wir in industrielle Bedeutungslosigkeit und überlassen Ländern wie China die Märkte der Zukunft. Ob sich die österreichischen und europäischen Entscheidungsträger:innen dieser Verantwortung bewusst sind?

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