Diskursanalyse: Wie „Technologieoffenheit” zur Krise der Autoindustrie beigetragen hat
In einer Diskursanalyse zeigt das KONTEXT Institut, wie der Begriff der „Technologieoffenheit“ zur Verschleppung der Ökologisierung eingesetzt wurde – und wie der Diskurs wieder konstruktiver werden kann.
Verschleppung ist, wie Desinformation, ein Mittel im Klimadiskurs, mit dem meist aus wirtschaftlichen Eigeninteressen wichtige klima- und industriepolitische Maßnahmen verzögert oder gar verhindert werden. Wie Verschleppung funktioniert, zeigt die Entwicklung des Begriffs „Technologieoffenheit“, der mit dazu beigetragen hat, dass die EU vom bereits beschlossenen Ende der Autoabgase 2035 wieder abrückte.
„’Technologieoffenheit’ liefert positive Versprechen: Wettbewerbsfähigkeit, Leistbarkeit, Freiheit. Einige wenige haben den Begriff aber instrumentalisiert, um Verbrenner-Autos entgegen dem technischen Fortschritt und der globalen Marktentwicklungen am Leben zu halten. Viele andere geben ihn – häufig ohne denselben Hintergedanken – weiter. Das hat zum Rückstand der europäischen Autoindustrie bei E-Autos und damit zu ihrer aktuellen Nachfragekrise mitbeigetragen“, sagt KONTEXT-Vorständin Tina Deutsch.
„Technologieoffenheit“ in der öffentlichen Debatte
„Technologieoffenheit“ wirkt sachlich, zukunftsorientiert und wertneutral, hat aber den Effekt, dass fundierte Priorisierungen unterlaufen werden. Wo wissenschaftlicher Konsens über die überlegen hohe Effizienz von Elektromobilität, aber auch von Wärmepumpen besteht, schafft „Technologieoffenheit“ künstliche Ungewissheit. Das verlängert die Nutzung fossiler Technologien und Rohstoffe, obwohl wirksame Alternativen längst marktfähig und skalierbar sind.
Eine quantitative Auswertung von Pressemeldungen in der OTS-Datenbank sowie Medienartikeln in der WISO-Datenbank seit den 1990ern zeigt die Entwicklung des Begriffs „Technologieoffenheit“. Erste Nennungen in Österreich ab 2001 kommen noch ohne Klimabezug aus, werden jedoch früh von fossilen Branchenvertretungen und auf den Klimadiskurs angewandt. Ab 2017 taucht der Begriff erstmals in einem österreichischen Regierungsprogramm auf. Ab 2021 setzt sich seine Verwendung dann durch – von sieben OTS-Nennungen im Jahr 2020 auf 118 im Jahr 2025.
Heute wird „Technologieoffenheit“ vorwiegend von Interessensvertretungen wie der WKO, der IV oder der eFuel Alliance sowie auf politischer Seite von ÖVP und FPÖ eingesetzt. Inhaltlich wird er überwiegend im Kontext der Mobilitätsdebatte verwendet, insbesondere um zu legitimieren, dass Verbrennungsmotoren weiterverwendet werden. Konstruktive Einordnungen des Begriffs bleiben im gesamten Sample der OTS-Meldungen mit unter drei Prozent aller Nennungen marginal.
Aus dieser Analyse lassen sich zwei Instrumente ableiten. Das Drehbuch der Verschleppung macht die Mechanismen hinter Verschleppung sichtbar: von der Wahl eines anschlussfähigen Schlüsselbegriffs über seine emotionale Aufladung bis zur institutionellen Verankerung in Strategiepapieren und Gesetzen. Wer diese Schritte kennt, kann Verschleppung früher erkennen und benennen – bevor sie realpolitisch wirksam wird.
Das Handbuch der Gestaltung zeigt den Gegenentwurf: wie evidenzbasierte, konkret greifbare Narrative entwickelt werden können, die nicht auf Angst und Verlust setzen, sondern auf belegbare Vorteile der Transformation. Dabei folgt chancenorientierte Kommunikation anderen Regeln als Verschleppung. Fakten über Wirkungsgrade und Technologieeffizienz sind kein Glaubenssatz, sondern wissenschaftlicher Stand.
Tina Deutsch: “‘Technologieoffenheit’ hat einen wichtigen Platz in der frühen Forschung, in der tatsächlich noch unklar ist, welche Technologie überlegen ist. Für die Zukunft des Individualverkehrs ist diese Frage beantwortet: E-Autos sind deutlich effizienter als E-Fuels und günstiger im Betrieb, weniger reparaturbedürftig und künftig auch als Stromspeicher nutzbar. Auch die ständig steigenden Absatzzahlen von neuen und gebrauchten E-Autos sprechen eine klare Sprache. Was es von der Politik hier braucht, ist ‘Technologieklarheit’.”







