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title: Österreich heizt sich tiefer in die Abhängigkeit
description: "Mitten in der fossilen Energiekrise werden wieder mehr Öl- und Gasheizungen nachgerüstet. Dabei wäre alles für den Umstieg da."
url: "https://www.kontext-institut.at/inhalte/oesterreich-heizt-sich-tiefer-in-die-abhaengigkeit/"
date_modified: "2026-10-13T07:00:44+02:00"
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 # Österreich heizt sich tiefer in die Abhängigkeit

Kommentar Erneuerbare Energie Gebäude 

Freitag, 09.10.2026

Mitten in der fossilen Energiekrise werden wieder mehr Öl- und Gasheizungen nachgerüstet. Dabei wäre alles für den Umstieg da.

*Dieser Gastkommentar erschien* [*am 9. Oktober in der Tageszeitung "Die Presse".*](https://www.diepresse.com/41337629/oesterreich-heizt-sich-tiefer-in-die-abhaengigkeit)

Erna wollte raus aus Gas. Ihre alte Gastherme werde nicht mehr lange halten, hatte ihr der Installateur bei der letzten Reparatur gesagt. Sie solle rasch tauschen. Erna besitzt eine Wohnung in einem Grazer Altbau. Am liebsten hätte sie eine Wärmepumpe eingebaut, die im Winter heizt und im Sommer kühlt. Dafür ist das Haus aber zu schlecht gedämmt. Die Sanierung musste warten, weil die Fördertöpfe von Bund und Land leer waren und niemand sagen konnte, wann es neue gibt. Schon Monate davor war der Anschluss des ganzen Hauses an die Fernwärme gescheitert. Ein einziger Nachbar war dagegen, 17 Parteien dafür. Heute hängt in Ernas Wohnung eine brandneue Gasheizung.

Ernas Geschichte ist beispielhaft dafür, wie die aktuellen Rahmenbedingungen richtige Entscheidung für einen Tausch zu einer sauberen Heizung erschweren und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen. Erna ist eine fiktive Person, es gibt sie nicht wirklich. Ihre Hürden aber schon, und sehr viele Menschen in Österreich, die damit unmittelbar konfrontiert sind. Im ersten Halbjahr 2026 haben rund 15.600 Haushalte in Österreich eine neue Gasheizung installiert, rund 500 eine neue Ölheizung. Im selben Zeitraum brach der Absatz von Wärmepumpen gegenüber dem Vorjahr um ein Viertel auf knapp 18.000 Anlagen ein. Und zwar genau in jenen Monaten, in denen die Blockade der Straße von Hormus die Preise für Öl und Gas explodieren ließ. Vier Jahre nach dem noch größeren Preisschock durch Russlands Überfall auf die Ukraine. Und vielleicht kurz vor der nächsten Krise, die dasselbe auslöst.

**Die Regierung hat die Möglichkeiten**

Während die Welt unsicherer wird, heizt sich Österreich noch tiefer in die Abhängigkeit von Öl und Gas hinein. Das ist keine Marktlaune. Menschen wie Erna entscheiden auch nicht leichtfertig. Es ist die Folge politischer Entscheidungen.

Die Regierung hat die Mittel für Heizungstausch und Sanierung in zwei Doppelbudgets hintereinander um mehr als eine halbe Milliarde Euro gekürzt. Die Fördertöpfe sind meist leer, bevor neue Ausschreibungen absehbar sind. An die Stelle der Förderung hat die Regierung nichts gesetzt. Kein gesetzliches Enddatum für Öl- und Gasheizungen im Bestand. Keine Regeln im Miet- oder Wohnungseigentumsrecht, die den Umstieg erleichtern. Keinen Plan, wie ein klimaneutrales Österreich einmal heizen soll. Beim aktuellen Tempo dauert es bis 2065, bis alle 1,4 Millionen fossilen Heizungen im Land ersetzt sind. Ernas neue Gasheizung wird, wenn sie durchschnittlich lange hält, bis Mitte der 2040er-Jahre laufen.

Der Sparzwang ist dafür keine Ausrede. Das Geld für den Umstieg ist da, auch bei angespannter Budgetlage. Die Einnahmen aus der nationalen CO2-Bepreisung von Heizöl und Erdgas ließen sich für Heizungstausch und Sanierung zweckwidmen. Aus dem EU-Klimasozialfonds erhält Österreich bis 2032 bis zu 579 Millionen Euro, 60 Prozent davon sind für den Gebäudebereich vorgesehen. Und seit 2026 dürfen Mitgliedstaaten für Investitionen, die sie von Öl und Gas unabhängiger machen, die Budgetregeln um bis zu 0,3 Prozent des BIP pro Jahr überschreiten. Für Österreich sind das bis 2028 rund drei Milliarden Euro. Wärmepumpen, Heizungstausch und Sanierung sind ausdrücklich förderfähig. Die Regierung müsste diesen Spielraum nur beantragen.

**Dreifache Klarheit**

Das Geld ist da. Die Technologie ist da. Selbst die Nachfrage ist da. Öl- und Gasheizungen halten im Schnitt 18 Jahre. Jedes Jahr kommen also bis zu 80.000 von ihnen an ihr Ende. In diesem Tauschmoment entscheidet sich, ob die neue Heizung sauber wird. Jeder Tausch kann ein Schritt aus der Abhängigkeit in die Wärmefreiheit sein. Dafür braucht es einen Plan, der klare Regeln mit verlässlichen Anreizen verbindet – und Klarheit schafft. Dreifach.

1\. Zielklarheit: 2040 als klares Enddatum für Öl- und Gasheizungen im Bestand. Die Regierung sollte rasch ein Erneuerbaren-Wärme-Gesetz vorlegen, das dieses Datum rechtlich festschreibt. Ohne Enddatum droht jede neue fossile Heizung zur Fehlinvestition zu werden. So wie jene von Erna.

2\. Preisklarheit: CO2-Einnahmen und Förderungen aus EU-Mitteln sollen gezielt jenen Haushalten zugutekommen, die sich den Umstieg sonst nicht leisten können. Und sie müssen verlässlich sein. Statt Ad-hoc-Ankündigungen und Töpfen, die sofort leer sind, braucht es einen mehrjährigen Förderfahrplan. Daraus muss jede und jeder ablesen können, wann es welche Förderung gibt, in welcher Höhe, nach welchen Kriterien und bei welcher Stelle. Das schafft Planungssicherheit.

3\. Technologieklarheit: Wärmepumpen sind das Effizienteste, was die Physik zum Heizen zu bieten hat. Sie sind marktreif und längst kein Luxusgut mehr. Die Geothermie hat großes, kaum genutztes Potenzial. Laut Regierung kann allein die Tiefengeothermie mindestens 500.000 Haushalte CO2-frei mit Wärme versorgen. Das angekündigte Gesetz dazu soll im Herbst kommen. Beide Technologien können auch kühlen und Hitzesommer abfedern. Klimaschutz und Klimaanpassung gehen hier Hand in Hand.

Dazu kommt das Wohnrecht. Miet- und Wohnungseigentumsrecht müssen den Umstieg erleichtern, statt ihn zu blockieren. Das Veto eines einzelnen Nachbarn darf nicht reichen, um ein ganzes Haus beim Gas zu halten. Die anstehende Reform, die nach dem Hitzesommer den Einbau von Klimaanlagen und außenliegendem Sonnenschutz erleichtern soll, ist dafür eine Gelegenheit. Sie kann auch den Einbau von Wärmepumpen erleichtern und so die Wärmewende voranbringen.

Auch zwischen Vermieter:innen und Mieter:innen braucht es Regeln und Anreize, damit beide gleichermaßen vom Umstieg profitieren. Heute zahlen Erstere die neue Heizung, Letztere aber die Heizrechnung. Wer den Kessel tauschen müsste, hat aktuell noch wenig davon, und wer von niedrigeren Kosten profitieren würde, kann nicht entscheiden.

**Für mehr Grad an Freiheit**

Statt die Wärmewende von Winter zu Winter zu verschleppen, muss die Politik einen klaren Plan zur Befreiung von Öl- und Gasheizungen vorgeben. Diese Klarheit hilft nicht nur den privaten Haushalten, sondern auch heimischen Betrieben, vom Elektriker über die Installateurin bis zu den Kessel- und Wärmepumpenherstellern. Sie schaffen heimische Wertschöpfung und Arbeitsplätze im Land und bringen dem Staat über Steuern und Abgaben neue Einnahmen.

Für Erna in Graz käme ein solcher Plan zu spät. Ihre Entscheidung ist für fast zwanzig Jahre gefallen. In dieser Zeit kann jeder Krieg am anderen Ende der Welt ihre Gasrechnung wieder in die Höhe treiben. Und die Netzgebühren für Gas drohen laut einer Prognose der Arbeiterkammer bis 2039 auf das 13-Fache zu steigen.

Die fiktive Erna wird daran nicht leiden. Die mehr als 16.000 Haushalte, die im ersten Halbjahr eine neue fossile Heizung eingebaut haben, gibt es schon. Sie wird diese Entwicklung treffen. Und wohl auch viele der rund 80.000 Haushalte, deren Heizung in den nächsten zwölf Monaten den Geist aufgibt. Die Regierung hätte alles in der Hand, um sie davor zu schützen und das Land aus der Abhängigkeit von Öl und Gas zu befreien. Das Geld ist da, die Technologie ist da, die Nachfrage ist da. Jetzt braucht es noch den politischen Willen. Für mehr Grad an Leistbarkeit, mehr Grad an Sicherheit und mehr Grad an Freiheit.